Der 11. TAG DER ARCHIVE am 5. und 6. März 2022

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Fakten, Geschichten, Kurioses

Seit 2001 findet im zweijährigen Zyklus der vom VdA - Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. initiierte TAG DER ARCHIVE statt. In diesem Jahr möchte sich auch das Stadtarchiv wieder daran beteiligen. Pandemiebedingt haben wir uns für ein Onlineangebot entschieden.

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Hier beginnt unser 11. Tag der Archive!

Gemäß dem Motto des diesjährigen Tages der Archive stellen wir Ihnen einige ausgewählte Dokumente aus den Archiv- und Bibliotheksbeständen des Stadtarchivs vor. Lassen Sie sich überraschen.

Verborgene Schätze entdecken:

Mittelalterliche Handschriften aus den Stralsunder Klöstern Mittelalterliche Handschriften aus den Stralsunder Klöstern

In Stralsund befanden sich bis zur Reformation drei Klöster, die beiden Bettelordenskovente der Dominikaner und Franziskaner in den Klöstern St. Katharinen und St. Johannis sowie das Birgittinenkloster Mariakron. Während die Anlagen der beiden erstgenannten Klöster noch mehr oder weniger vollständig erhalten existieren, erinnert an das Kloster Mariakron nur noch die im Bereich seines Standortes befindliche Mariakronstraße in der Tribseer Vorstadt.

Handschrift Hs 975 Deckel

Handschrift Hs 975 Deckel

So gut wie vollständig sind die Bibliotheken und Archive der Klöster vernichtet, mit Ausnahme eines Teils der Urkunden von Mariakron. Es bestand aber schon lange die Annahme, dass sich unter den Handschriften der sogenannten Nikolaikirchenbibliothek, die seit 1860 Teil der Ratsbibliothek und damit der heutigen Archivbibliothek ist, auch einige befinden könnten, die aus den Stralsunder Klöstern stammen.

Das kann jetzt definitiv bejaht werden. In einem Kooperationsprojekt mit dem Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig sind seit 2016 56 Handschriften und Handschriftenfragmente wissenschaftlich erschlossen und gleichzeitig digitalisiert worden. Die Onlinestellung der Digitalisate in der Digitalen Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern ist gerade im Gange und die ersten Bände können bereits benutzt werden.

Dazu gehört auch der unter der Signatur Hs 975 verzeichnete Band mit dem schönen Titel „Spiegel des Herzens“ aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Foto und Links zum Digitalisat und der Beschreibung in Manuscripta Mediaevalia:

https://www.digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/ArchivHST_HS_975/1/ 
http://www.manuscripta-mediaevalia.de/dokumente/html/obj31594041 

Es handelt sich dabei um eine Tugendlehre, die wohl für die Bewohnerinnen eines Frauenklosters verfasst wurde. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass es entweder dem Kloster Mariakron oder einem der beiden Stralsunder Beginenkonvente stammt. Beginen waren Frauen, die in einem Konvent ein Leben ähnlich wie Nonnen führten, ohne einem richtigen Klosterorden anzugehören.

Ein „Ostergruß“ aus dem Jahre 1372 Ein „Ostergruß“ aus dem Jahre 1372

Eintrag im Verfestungsbuch EditionDie Stralsunder Ratsherren hätten sich sicherlich einen anderen „Ostergruß“ von ihren Landesherren, den beiden jungen Herzögen Wartislaw VI. und Bogislaw VI. von Pommern gewünscht. Stattdessen erhoben die Beiden schwere Vorwürfe in ihrem auf den Palmsonntag 1372 datierten Schreiben. Wir lesen von »grote untruwe unde vorretnisse an juwen rechten anerve[de]n hern« (großer Untreue und Verrat an euren rechten Erbherren). Und weiter unten noch heftiger »dat gii uns vorraden hebben van unses rechten vader erve, alze Judas unsen hern God vorred« (dass ihr uns verraten [betrogen] habt um unseres rechten Vaters Erbe, wie Judas unseren Herrgott verriet).

Was der Anlass des Zornesausbruchs der Herzöge war, steht in dem Brief nicht. Aber es ging wohl um die Verhandlungen mit dem Onkel der Beiden, Herzog Bogislaw V., die die Teilung der Herrschaft und Landes, des Herzogtums Pommern-Wolgast, zum Ziel hatten. Offensichtlich vertrat der Stralsunder Rat nicht oder nicht deutlich genug den Standpunkt der beiden jungen Herzöge.

Eintrag Verfestungsbuch Handschrift (Rep. 3, Nr. 149)

Jedenfalls müssen die Ratsherren ziemlich erbost gewesen sein. Der Brief hat sich nämlich nicht im Original erhalten, sondern nur als Abschrift im Verfestungsbuch. Und dort wurden nur von den städtischen Gerichten Angeklagte eingetragen, die der Vorladung nicht Folge geleistet hatten. Zudem ließen die Ratsherren eintragen, was sie von Herzögen erwarteten. Und das war nichts weniger als eine öffentliche Rechtfertigung, eine angemessene Richtigstellung und eine vollständige Genugtuung. Ob die Herzöge das wohl je zur Kenntnis bekommen hatten?

Abb. li: Eintrag im Verfestungsbuch Edition, Abb. re: Eintrag Verfestungsbuch Handschrift (Rep. 3, Nr. 149) 

Chinesische Heilkunst des 16. Jahrhunderts Chinesische Heilkunst des 16. Jahrhunderts

Wenn ein Archiv umzieht, bietet sich die Gelegenheit, auch mal in Ecken zu schauen, die man sonst nicht im Blick hat. So auch beim Bezug der neuen Magazinräume im Zentraldepot in den Jahren 2018 bis 2020. In einer Kiste mit Büchern, die restauriert werden sollten, lag auch ein Umschlag mit der Beschriftung: „Ein Chinesisches MANUSCRIPT auff Papier von Seide“. Der Schrift nach stammte der Umschlag aus dem 18. Jahrhundert. Und tatsächlich fand sich im handschriftlichen Katalog der Ratsbibliothek von 1760 auf S. 782 unter der Rubrik „Manuscripta. Einzelne Stücke“ ein passender Eintrag:

„Nr. 22; LIX zusammengeheftete Blätter in Quarto oblongo. Die Blätter sind von Seide. Die Charakter (veralteter Ausdruck für Buchstaben, Schriftzeichen), in welchen sie beschrieben, sind überaus sauber geschrieben. Der Inhalt ist annoch unbekannt.“

Doppelseite aus dem chinesischen Medizinbuch

Doppelseite aus dem chinesischen Medizinbuch

Titelseite des Bibliothekskatalos von 1760Seite des Bibliothekskatalos von 1760 mit dem Eintrag zum Medizinbuch

Titelseite des Bibliothekskatalos von 1760 und Seite des Bibliothekskatalos von 1760 mit dem Eintrag zum Medizinbuch

Soweit, so gut, jetzt hatte man einen Anhaltspunkt, wie lange sich dieses Schriftstück mindestens schon in Stralsund befand. Was es aber beinhaltete, war weiterhin unbekannt.

Zunächst wurde es restauriert. Und dann kam der rettende Einfall. Warum nicht die Mitarbeiter des seit 2016 in Stralsund ansässigen Konfuzius-Instituts fragen? Die müssten das Dokument doch lesen können. Und tatsächlich, gleich bei der ersten Inaugenscheinnahme stellte sich heraus, dass es sich erstens um einen Druck, keine Handschrift, und zweitens um ein Fragment eines berühmten Werks der chinesischen Heilkunde aus dem 16. Jahrhundert handelt.

Doch damit nicht genug. Frau Zou Shanshan, Zou ist, wie im Chinesischen üblich, der Nachname, Chinesischlehrerin am Konfuzius-Institut und studierte Kunsthistorikerin, erklärte sich bereit, eine kleine Präsentation zu dem Werk mit dem klangvollen Namen „Wan Bing Hui Chun“ zu erstellen. Diese können Sie sich hier ansehen (PDF. 3,8 MB)

Frau Zou sei dafür herzlich gedankt, dass Sie uns diesen Einblick in die traditionelle chinesische Medizin und damit in ein Stück chinesische Kulturgeschichte bietet.

Ein Norweger auf „großem Fuß“ Ein Norweger auf „großem Fuß“

1761 stiftete der Generalgouverneur von Schwedisch-Pommern, Axel Graf von Löwen, einen Fideikommiss, mit dem er der Stadt Stralsund seine bedeutenden Sammlungen an Kunstgegenständen, aber auch seine Bibliothek zur dauerhaften Aufbewahrung übergab. Die Bibliothek befindet sich heute im Stadtarchiv als Sonderbestand der Archivbibliothek. Daneben gibt es aber auch noch einen Nachlass, bestehend aus Akten und Handschriften. In einer Handschrift, die ansonsten verschiedene militärische Anweisungen, Instruktionen und Vorschriften auf Schwedisch enthält, ist ein Blatt in Form eines Fußes bzw. einer Schuhsohle eingeheftet. Dieser „Schuhabdruck“ ist 40 cm lang und es steht folgender Text zur Erklärung daneben:

„Der sogenannte Flügelmann oder des Königs von Preußen grösister Grenadier nahmens Jonas, aus Norwegen gebürtig, gebraucht solche Schue wie dieses Model die unterste Sohle fürstellet. Ein Paar Schu werden in Berlin mit 3 Rhtr (Taler) bezahlet und sind sie 3 Virtel Ellen lang, doch ein wenig knap genommen. Diese Maaße 6 mahl völlig genommen gibt accurat die Länge dieses Menschen.“

Manuskript Nachlass Löwen 54 Deckel

Manuskript Nachlass Löwen 54 Deckel

Manuskript Nachlass Löwen 54 Innenumschlag

Manuskript Nachlass Löwen 54 Innenumschlag

Manuskript Nachlass Löwen 54 eingeheftetes Blatt

Manuskript Nachlass Löwen 54 eingeheftetes Blatt

Legen wir die Stralsunder Elle mit rund 58 m zugrunde, dann wäre der Jonas aus Norwegen 2,61 Meter groß gewesen. Würde man die Berliner Elle mit rund 66 cm zugrunde legen, wären es sogar 2,97 Meter. Das ist kaum glaubwürdig.

Nachsatz: In den einschlägigen Publikationen zu den Langen Kerls ließ sich unser Jonas trotz seiner Größe nicht finden. Gab es ihn denn überhaupt? Das müssen weitere Recherchen ergeben.

Eine Stadt auf der Flucht Eine Stadt auf der Flucht

Manchmal sind es „Nebensächlichkeiten“, die die historische Bedeutung eines Dokuments ausmachen. So verhält es sich auch bei dieser Urkunde, die der Rat der Stadt Grimmen am 7. März 1660 ausstellte. Der dokumentierte Rechtsakt ist nichts Außergewöhnliches. Man bestätigt dem Lorentz Kleine aus Grimmen die Geburt und Abstammung von seinen namentlich genannten Eltern. Das war u. a. notwendig, um einen Handwerksberuf ausüben zu können, der eine eheliche Geburt voraussetzte.

Was die Urkunde aber wirklich interessant macht, ist die Datumsangabe am Schluss. „Gegeben zu Stralsund in unserm Exilio Anno 1660 den 7. Martij“ lesen wir dort. Die Urkunde wurde also nicht im Rathaus von Grimmen ausgestellt, sondern irgendwo in Stralsund. Was war der Grund?

Mit der Einbeziehung in den Dreißigjährigen Krieg 1627 begann eine Phase in der Geschichte Vorpommerns, die durch Kriege mit all ihren Begleit- und Folgeerscheinungen geprägt war. Sie endete nicht 1648, sondern setzte sich in den folgenden Jahrzehnten fort. Grund war die Zugehörigkeit zum Königreich Schweden und dessen Politik während der sogenannten Großmachtzeit (stormaktstiden) bis zum Ende des Großen Nordischen Krieges 1720/21. In jedem der in dieser Zeit stattgefundenen Kriege, die Schweden mit seinen Gegnern führte, war Vorpommern Kriegsschauplatz. Insbesondere die Bevölkerung des platten Landes und der unbefestigten Kleinstädte hatte dann unter den Durchmärschen und Besetzungen der feindlichen Truppen zu leiden.

Stadtansicht Grimmen um 1615

Stadtansicht Grimmen um 1615

Dazu gehörte auch der Angriff eines brandenburgischen Heeres während des schwedisch-polnischen Krieges im Herbst 1659. Die Landbevölkerung floh in die befestigten Städte Greifswald und Stralsund. 20 Jahre vorher, während der Besetzung durch ein kaiserliches Heer in den Jahren 1637/38, waren auch die Kleinstädte Zufluchtsorte. Jetzt aber flohen die Bewohner der Städte, zumindest die von Grimmen, selbst.

Völlig unerwartet hat das Thema Flucht im Krieg einen aktuellen Bezug bekommen. Ausgelöst durch den völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine sind wieder Hunderttausende Zivilisten auf der Flucht.

Urkunde StU 2404

Urkunde StU 2404 mit Siegel und Datum

Ein fast vergessenes Tauchgerät aus Barth Ein fast vergessenes Tauchgerät aus Barth

Seit Jahrhunderten gab es Versuche, bewegliche Tauchgeräte zu konstruieren. Aber erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden praxistaugliche Modelle entwickelt. Dazu gehören die Helmtauchgeräte. Lange Zeit galten die Brüder Deane aus England als Erfinder bzw. Väter des offenen Helmtauchgeräts. Aber vor 25 veröffentlichte Michael Jung eine kleine Schrift, in der er ein bereits früher entwickeltes funktionsfähiges Gerät vorstellte. Erfinder war der Kapitän Peter Kreeft aus Barth. Auf die Spur dieser Erfindung kam Jung durch eine kleine, 1805 veröffentlichte Publikation mit dem Titel „Die Taucher=Maschine des Herrn Kreeft in Barth“. Davon sind nur noch zwei Exemplare bekannt, eins in der British Museum in London und eins im Bibliotheksbestand des Stadtarchivs Stralsund.

Versuche mit einem Nachbau dieses Helmtauchgeräts bewiesen dessen volle Funktionsfähigkeit.

Tauchermaschine

Taucher-Maschine

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